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Der König und der Wal

Vor langer, langer Zeit, gut 2000 Jahre vor unserer Zeit, machten sich drei weise Könige aus dem Morgenland, mit ihrem prächtigen Gefolge in einer langen Karawane auf den Weg und folgten einem strahlenden Stern. Jede Nacht brachte er sie weiter weg von zuhause. Alles war gut geplant und vorausberechnet. Die Könige verstanden sich in der Kunst der Sterndeutung und waren überzeugt, dass in Bethlehem in Judäa bald die Geburt eines großen Königs der Juden bevorstünde. Denn so steht`s durch den Propheten Micha geschrieben: „ Und du, Bethlehem im jüdischen Land, bist keineswegs die kleinste unter den Fürstenstädten in Juda; denn aus dir wird der Fürst kommen, der mein Volk Israel weiden soll.“ So machten Sie sich auf den Weg, denn sie wollten dem Neugeborenen huldigen, das heißt es anzubeten und ihm Geschenke zu bringen.

Aber mühsam war der Weg durch die Wüste, die Hitze bei Tag und die Kälte bei Nacht machten Menschen und Tieren zu schaffen. Nach vielen Tagen auf dem Rücken ihrer Kamele gelangten Sie in eine kleine Stadt an der Küste des Meeres. Lange konnten sie sich nicht ausruhen, denn unerbittlich rückte der Stern jede Nacht ein Stück in die Ferne. So beratschlagten Sie, wie die Reise weitergehen sollte. Alle Knochen im Leib taten Ihnen weh, ein Großteil der Diener war krank und auch die Kamele brauchten dringend Ruhe.

Wie so oft im Leben, wenn man denkt es geht nicht mehr weiter, obwohl man auf dem richtigen Weg ist, tat sich auch hier unerwartet eine Tür auf.

Der Kapitän einer kleinen Barke war am Morgen mit seinem Boot im Hafen angekommen. Er suchte Lasttiere für seine Fracht, sowie einen Auftrag für eine neue Fahrt an der Küste entlang. Die Männer kamen überein, dass ein Großteil des Gefolges, nachdem es sich erholt hatte, die Waren des Kapitäns ins Morgenland bringen sollte. Die Könige würden mit einigen Kamelen und wenigen Dienern zunächst auf dem Kahn weiterreisen.

Schon am nächsten Tag stachen sie in See. Was jedoch als eine gemütliche Schiffsreise geplant war, wurde zum reinsten Abenteuer. Die Könige hatten es sich gerade an Deck gemütlich gemacht, genossen die frische Brise und die atemberaubende Aussicht auf die Küstenlandschaft, da schoss ein Piratenschiff hinter einer Landzunge hervor und nahm direkten Kurs auf die Barke. Schnell ließ der Kapitän zusätzliche Segel setzen und es begann eine wilde Verfolgungsjagd. Der Küstenbereich war mit zahlreichen Klippen und Sandbänken gespickt, so blieb allein die Flucht hinaus aufs Meer. Die Könige hatten sich am Heck des Schiffes versammelt und verfolgten voller Furcht, wie schnell das Piratenschiff näher kam. Nach gut einer Stunde, als man schon die Säbel an den Gürteln der Piraten von Weitem in der Sonne blitzen sah, gaben die Seeräuber plötzlich auf und segelten schnurstracks wieder auf die Küste zu.

Wie jubelten die Könige da und wollten sofort dem Kapitän die gute Nachricht erzählen. Als sie sich jedoch umdrehten, wurden sie starr vor Schreck und wussten was ihre Gegner zur Umkehr getrieben hatte. Schwarze Wolkenberge türmten sich am Himmel. Schon fuhr der erste Windstoß durch die Segel und nachdem ein gewaltiger Donnerschlag die Luft erbeben ließ, brach der Orkan los. Schnell flüchteten die Könige unter Deck zu ihren Tieren und versuchten sie zu beruhigen. Stundenlang war das Schiff ein Spielball der Wellen, bis dann endlich die Sonne wieder durch die Wolken brach. Erschöpft und dankbar, das Unwetter mit heiler Haut überstanden zu haben versammelten sich die Menschen an Deck und dankten Gott für die Rettung aus höchster Not.

Bald schon brach die Nacht herein. Als die Könige nun die Sterne am Himmel erblickten, erschraken sie sehr. Weit, weit weg, nur als kleiner Leuchtpunkt war der Stern, der sie bisher leitete, am Firmament zu sehen und kein Windhauch blähte die Segel. Hatten Sie noch eine Chance den neugeborenen König rechtzeitig aufzusuchen?

Drei Tage und Nächte hielt die Flaute nun schon an und erneut machte sich Verzweiflung breit. Das Wasser wurde knapp, die Sonne brannte erbarmungslos und immer noch dümpelte das Schiff auf der spiegelglatten See. Klagend stand einer der Könige an der Reling, blickte über die öde Wasserfläche und rief gen Himmel:

„Herr, wir dachten du hast uns auf die Reise geschickt, um den König der Könige zu ehren. Wir waren so stolz auf unsere Sterndeuterkünste und unsere Weisheit. Wir dachten, wir wüssten über alles Bescheid und hätten alles im Griff. Sollten wir uns so verrannt und geirrt haben, dass du uns so hart strafen musst und wir nun elendiglich dem Untergang geweiht sind? Antworte mir, oh Herr!“ So stand er, mit erhobenen, flehenden Händen und schaute gen Himmel. Aber nichts war zu hören, nichts zu sehen, kein Zeichen von Gott zu erkennen.

Doch wie so oft im Leben, wenn man denkt es geht nicht mehr weiter, obwohl man auf dem richtigen Weg ist, tat sich auch hier unerwartet eine Tür auf.

Als er zweifelnd die Hände senkte und niedergeschlagen den Kopf hängen ließ,, blickte er verdutzt in ein großes sanftmütiges Auge. Aus den Tiefen der See war ein riesiger Wal aufgetaucht.

„ Was schreist und jammerst Du so, dass man es bis zu den Riffen am Meeresgrund hört?“

fragte der Wal.

„Ich fürchte, Gott hat sich von uns abgewendet und will mich verderben“ antwortete verdutzt der König.

Wieso er mit dem Wal reden konnte, begriff er erst viele Tage später, als er betend an einer Krippe kniete.

„So, so“ schnaubte das mächtige Tier und blies eine turmhohe Wasserfontäne in die Luft, dass es nur so zischte. „Was seid ihr Menschen doch für seltsame, kleingläubige Geschöpfe. Schon mein Urgroßvater erzählte mir von einem Mann, den er zeternd und heulend, mitten auf dem Meer fand. Mit einem „Das hat mir gerade noch gefehlt…“ wurde ihm gedankt, als er ihn vorsichtig in sein Maul nahm. Was musste Uropa nicht alles in den 3 Tagen auf dem Weg zum Ufer mit anhören, über eine Flucht vor Gott und den Menschen, eine Reise, die statt in Ninive, auf einem Schiff im Sturm endete. Erst am letzten Tag wurde der Kerl ruhiger und es kamen auch wieder echter Dank und Lieder über seine Lippen. Das hinderte den komischen Kauz zwar nicht daran, sich mit einem „Das hat mir gerade noch gefehlt…“ zu verabschieden, als er im hohen Bogen an den Strand gespuckt wurde, aber mein Urgroßvater musste doch anerkennen, dass ihr Menschen euren Kopf nicht nur zum Wissen schaufeln und Gemeinheiten aushecken benutzen könnt.

Daher will auch ich nicht so sein und helfe Euch. Vielleicht lernst auch du was Wichtiges dazu, denk mal darüber nach.“

Mit diesen Worten schwamm der Wal unter das Boot und schob es immer schneller in Richtung Ufer.

Als der Kapitän und die Mannschaft die Ursache der unerwarteten Weiterreise bemerkten, wäre um ein Haar Panik ausgebrochen und die Männer hätten dem Wal ein Leid angetan. Aber der König beruhigte Sie, und wies darauf hin, dass sich der Wal doch ganz ruhig gebärde und ein Weiterkommen nur von Vorteil wäre. Dass er mit dem Wal gesprochen hatte, erzählte er vorsichtshalber nicht. Man sollte ihn ja nicht für verrückt halten oder hatte er sich vielleicht doch Alles nur in der sengenden Sonne eingebildet?

Kurz nach Einbruch der Dämmerung konnte man vom Schiff aus die Lichter einer Stadt erkennen. Mit einem leichten Ruck gab der Wal das Boot frei, das nun in der starken Strömung auf den Hafen zu trieb. Kopfschüttelnd blickten alle Männer auf dem Schiff hinterher, als die große Schwanzflosse mit leisem Platschen in den Wellen verschwand und das riesige Tier in die Tiefe des Meeres zurückkehrte.

Und der Stern ging hell leuchtend, strahlend und groß am wolkenlosen Nachthimmel auf und wies ihnen den Weg…

(Monika Hörner)